10.04.2006

inubit AG, Berlin:

Programme nach dem Puzzle-Vorbild machen Unternehmen flexibler
Serviceorientierte Architekturen erleichtern es, einzelne Komponenten auszutauschen

Handelsblatt Nr. 071 vom 10.04.06 Seite c02 – PATRICK BERNAU | KÖLN Im vergangenen Jahr wollte die Neusser Rheinland-Versicherung einen neuen Service für Banken anbieten: Deren Mitarbeiter sollten Kunden eine Restschuld-Versicherung auch noch nach dem Abschluss eines Kreditvertrags anbieten können - am besten per Telefon. Bisher war das nicht möglich: Bankkunden konnten nur in einer Filiale unterschreiben.

Für das neue Angebot musste die Software der Rheinland-Versicherung dazu lernen. Darum sollte sich Markus Heussen kümmern, der E-Business-Manager. Innerhalb von vier Wochen sollte das neue Programm fertig sein, doch das schien nicht zu schaffen. "Mit den alten Systemen hätte es bis 1. April gedauert", erzählt Heussen. Deshalb engagierte er eine Softwarefirma, die nach einem neuen Konzept arbeitet, der so genannten serviceorientierten Architektur. "So haben wir es rechtzeitig geschafft", berichtet Heussen.

Das Prinzip hinter einer serviceorientierten Architektur (SOA) ist einfach: Aus einem großen Programm machen Entwickler viele kleine, die sie Services oder Dienste nennen. Einzelne Services lassen sich immer wieder neu zusammensetzen, je nachdem wie das Unternehmen sie gerade braucht - ähnlich wie ein Puzzle. Ein zusätzliches Programm hält alles zusammen, es heißt Plattform.

Der Vorteil: Mit einer solchen Software-Architektur können Unternehmen Programme unterschiedlicher Hersteller einfacher kombinieren als bisher. Ändert sich zum Beispiel einmal eine Vorschrift und die Software muss daran angepasst werden, brauchen Unternehmen nur den Baustein auswechseln, der betroffen ist. Und ist ein neuer Baustein fällig, lässt sich der leicht in einen kleinen Auftrag verpacken und an einen externen Dienstleister abgeben.

Zudem können Unternehmen mit Zulieferern und Kunden besser zusammenarbeiten, indem sie einzelne Bausteine aus deren Software in das eigene System übernehmen. Zum Beispiel lässt sich das Flugbuchungs-System von Lufthansa heute schon in die Dienstreise-Programme vieler Unternehmen einbinden.

So einfach das Prinzip klingt, so schwierig ist die Umsetzung oft im Detail. Denn noch ist unklar, wie Daten sinnvoll zwischen den verschiedenen Bausteinen hin- und herwandern können. Chef-Produktmanager Michael Hahn vom Berliner Software-Dienstleister Inubit hat das schon oft bemerkt. Sein Beispiel: "Die Adressen von Kunden werden in jedem Dienst anders behandelt." Mal sind Straße und Hausnummer eine Einheit, mal sind sie getrennt - schon lassen sich die Dienste nicht mehr nahtlos kombinieren.

Damit solche Schwierigkeiten verschwinden, braucht es praxistaugliche Standards. Gerade für serviceorientierte Architekturen sind sie wichtig, schließlich sollen am Ende Bausteine verschiedener Herstellern auf Knopfdruck zusammenarbeiten. Und dazu muss der Linux-Computer eines Getränkelieferanten die gleiche Sprache sprechen wie der Windows-Rechner eines Su-permarktes mit Getränkeabteilung. Weil das aber noch nicht immer funktioniert, setzt sich die Praxis nur langsam durch, einzelne Software-Bausteine auch den eigenen Geschäftspartnern zur Verfügung zu stellen.

Doch die Standards entwickeln sich schnell. Experten sind zufrieden mit den Fortschritten, auch wenn noch längst nicht alles perfekt ist: "Die Hälfte der Standards ist noch nicht fertig oder macht keinen Sinn. Aber was schon da ist, das funktioniert", sagt Torsten Winterberg vom Gummersbacher IT-Berater Opitz Consulting.

Doch selbst wenn eines Tages alle wichtigen Standards brauchbar sind: Zwei große Fragen werden die Beteiligten an SOA-Projekten weiter beschäftigen. Erstens: Was müssen die einzelnen Bausteine können? Sollte zum Beispiel die Bankleitzahlen-Suche lieber ins Überweisungsmodul integriert sein oder lieber unabhängig davon laufen? Und zweitens: Wie ordnet man die Steine am besten an?

Das sind keine Fragen für Software-Entwickler, sondern für Organisations-Spezialisten und Fachleute in Produktion, Einkauf und Vertrieb. Die müssen in Zukunft noch intensiver darüber nachdenken, welche Software-Funktionen sie brauchen - und wie sie selbst eigentlich arbeiten. Denn damit die Entwickler wissen, welche Bausteine sie programmieren sollen, müssen sie erst einmal herausfinden, wie sich die einzelnen Arbeitsschritte am besten aufteilen lassen.

Im Gegenzug sollen die Fachabteilungen flexibler werden. Denn aus einzelnen Abläufen ein neues Programm zu machen, soll in Zukunft ganz einfach sein: Wenn sich ein Prozess ändert, können Software-Anwender ganz einfach per Mausklick ihre Bausteine selbst so zusammenstellen, wie sie sie brauchen. Software-Spezialisten wie Torsten Winterberg werkeln schon an Systemen, mit denen das funktionieren könnte. Bis es so weit ist, werden allerdings noch einige Jahre vergehen.

 

Kontakt:

Andrea Tauschmann
inubit AG
Telefon: +49 (0)30 726112-255
Fax: +49 (0)30 726112-100
E-Mail: andrea.tauschmann@inubit.com
www.inubit.com


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